DIE GRETCHENFRAGE

Montag, 11. Februar 2019, der 150. Geburtstag Else Lasker-Schülers, im Mendelssohn Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal in Elberfeld.

Zweiter Teil der Abendveranstaltung.

Im zweiten Teil der Veranstaltung nun inszenierten ‚Die Redner‘ ihre Performance ‚CREDO‘. Das Anliegen und Schaffen der Gruppe aus dem Saarland konturiert sich am ehesten in ihrer eigenen Rede:

Die Visionen einer friedlicheren, menschenwürdigeren Welt: wir möchten mit unseren Performances einen künstlerischen, hochspannenden und ungewöhnlichen Beitrag zur Diskussion über die weltpolitische Lage, über globale Entwicklungs- und Sicherheitsstrategien und über gesellschaftspolitische wie auch wirtschaftliche Hintergründe der internationalen Friedenspolitik leisten.

Die Redner.

– als Zuschauer*in ist man ad hoc ohne Worte. Zu dicht und ungemein spannungsgeladen ist die Aufführung, an der sich an diesem Abend die Geister scheiden. Kunstvoll sind filmische Einspielungen, Animationen und dokumentarische Aufnahmen auf Leinwände projiziert. Im Bühnenraum interagieren die Musiker mit dieser audiovisuellen Komposition nicht nur, indem sie gleichsam vor und neben den Bildträgern auftreten, sondern auch indem sie in Kommentaren und Reaktionen auf das Gezeigte selbst wirken, das sie mal musikalisch begleiten und konterkarieren, das sie aber auch mal lauthals diskutieren. So entstehen in der Konfrontation der verschiedenen abstrakten Bildwelten und konkreter Einblendungen von Interviewszenen verschiedene Bedeutungs- und Deutungsebenen, verschwimmen im jazzhaften Klang der Musik Impressionen auf allen Wahrnehmungsebenen.

Es geht um nichts weniger als die drei großen Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam – aber auch atheistische Stimmen bringen die ‚Redner‘ ein. Die Inszenierung stiftet Sinnbilder und Gleichnisse, deren Abwägung bei den Betrachter*innen liegt. Eine Erörterung, die sich unmittelbar nach der Vorstellung in angeregten Gesprächen, wilden Diskussionen und auch mal in Empörung auf dem Weg aus dem Mendelssohn-Saal, die Treppe hinunter, hin zur Garderobe und beim Verlassen der Stadthalle Bahn bricht. Auf den Stufen des Eingangsportals stehen einige der so geforderten Zuschauer*innen der Aufführung noch einen Moment beisammen und in der kühlen Nachtluft wird es bisweilen hitzig.

Stellte doch die Inszenierung ohne wertenden Kommentar, ohne direkte Deutungshierarchien die Aussagen geistlicher Stimmen, wie des Rabbiners Joël Berger, des nicht unumstrittenen christlichen Theologen Eugen Drewermann, Anselm Grüns und der (Politik- und Islam-)Wissenschaftler Talat Kamrans und Ahmad Milad Karimis gleichwertig nebeneinander. Doch auch die Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai kam im Stück zu Wort.

Den im Rahmen des Abends deutlichsten Bezug zur Geehrten, einer Verfechterin des interreligiösen Dialoges und friedlichen Miteinanders in Zeiten politischer Krise und des folgenden Krieges, liefern lange Einspielungen aus dem Interview, das Günter Gaus am 28.10.1964 in der Reihe ‚Zur Person‘ mit Hannah Arendt geführt hatte – kurz nach dem Erscheinen ihres Buches ‚Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen‘. Insbesondere die Sequenzen zum ‚jüdisch sein‘ werden gezeigt.

Ich wusste als Kind, daß ich jüdisch aussehe,

gibt Arendt darin an. „Ich, zum Beispiel, glaube nicht, daß ich mich je als Deutsche – im Sinne der Volkszugehörigkeit, nicht der Staatsangehörigkeit, wenn ich mal den Unterschied machen darf – betrachtet habe. Ich besinne mich darauf, daß ich so um das Jahr ‘30 herum Diskussionen darüber zum Beispiel mit Jaspers hatte. Er sagte: „Natürlich sind Sie Deutsche!“ Ich sagte: „Das sieht man doch, ich bin keine!“ Das hat aber für mich keine Rolle gespielt. Ich habe das nicht etwa als Minderwertigkeit empfunden. Das gerade war nicht der Fall. Und wenn ich noch einmal auf das Besondere meines Elternhauses zurückkommen darf: Sehen Sie, der Antisemitismus ist allen jüdischen Kindern begegnet. Und er hat die Seelen vieler Kinder vergiftet. Der Unterschied bei uns war, daß meine Mutter immer auf dem Standpunkt stand: Man darf sich nicht ducken! Man muß sich wehren!

Wenn etwa von meinen Lehrern antisemitische Bemerkungen gemacht wurden – meistens gar nicht mit Bezug auf mich, sondern in Bezug auf andere jüdische Schülerinnen, zum Beispiel ostjüdische Schülerinnen –, dann wurde ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe; und die Sache war für mich natürlich völlig erledigt. Ich hatte einen Tag schulfrei, und das war doch ganz schön. Wenn es aber von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber. Und so sind diese Sachen für mich nie zum Problem geworden. Es gab Verhaltensmaßregeln, in denen ich sozusagen meine Würde behielt und geschützt war, absolut geschützt, zu Hause.“

In biographischen Bemerkungen Ahrends wie Lasker-Schülers finden sich immer wieder starke Zeugnisse eines Umgangs mit dem offenen Antisemitismus, der beiden Frauen schon in der Kindheit begegnete. So birgt auch der Nachlass Else Lasker-Schülers eine individuelle Erfahrung dessen, was bei Ahrendt, die zu Zeiten des Dritten Reiches ihr Geburtsland Deutschland ebenfalls verlassen musste, später als „Heimatlosigkeit“ und „Weltlosigkeit“ der Juden beschrieben wird.

In wie nah die subjektiven Erlebnisse und daraus abgeleiteten Erwägungen sich zusammenführen lassen, darüber könnte man freilich ebenso trefflich diskutieren, doch ist eine Verknüpfung beider Schicksale und eine näherungsweise Entsprechung in der Deutlichkeit ihres Eingangs in das jeweilige Schaffen seiner Protagonistinnen unverkennbar.

In all den orchestrierten Stimmen, der Hannah Ahrends, der omnipräsenten, gleichwohl im zweiten Teil gar nicht zitierten Else Lasker-Schüler, den anderen Tonspuren, dem Stimmengewirr der Besucher*innen dieser Eröffnungsveranstaltung fand sich vielleicht kein Konsens, doch etwas, das der Geehrten gleichsam gerecht wurde: eine lebhafte Auseinandersetzung mit sich und der Welt und allen ihren Widrigkeiten und dem Schönen – mit und in der Kunst, der dieser Abend eine Bühne bot.

Die Redner sind: der Medienkünstler und Kontrabassist Florian Penner und der Schlagzeuger/Produzent Oliver Strauch. Gäste bei CREDO: Julien Blondel, Cello; Kaori Nomura, Keyboard; Juan Pablo Gonzales, Guitarre.

bf.
Text und Bilder: Birte Fritsch für das Kulturbüro der Stadt Wuppertal | Creative Commons

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